Im Crime Club waren diesmal Katharina Börries und Hubertus Schwarz zu Gast – das Duo hinter dem Podcast. Beide sind Journalisten, beide verbindet der Anspruch, wahre Kriminalfälle mit Präzision statt Sensationslust zu erzählen. Im Gespräch ging es um ihren Weg zum Podcast, ihre aufwendige Recherche, die ethischen Grenzen des Genres und die Frage, warum man manche Fälle ganz bewusst nicht erzählt.
Zwei Journalisten, ein Podcast – und eine gemeinsame Haltung
Katharina Börries und Hubertus Schwarz sind nicht nur privat ein Team, sondern auch beruflich. Kennengelernt haben sie sich im Journalismusstudium, die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass sie daraus weit mehr gemacht haben: eine gemeinsame Ehe und ein gemeinsames Podcastprojekt.
Während Katharina heute in der Gesundheitsbranche arbeitet und Hubertus als Journalist bei einem österreichischen tagesaktuellen Medium tätig ist, lebt ihre journalistische Leidenschaft im Sideprojekt weiter: True Crime Austria.
Die Idee zum Podcast kam aus einer Mischung aus persönlichem Interesse und professioneller Erfahrung. Katharina hatte sich bereits in Deutschland intensiv mit dem Medium Podcast beschäftigt und wollte nach ihrem Umzug nach Österreich ein eigenes Format entwickeln – mit österreichischen Fällen, regionalem Fokus und journalistischem Anspruch. Hubertus war sofort dabei.
Warum ausgerechnet Podcast?
Beide sind crossmedial ausgebildet, hätten also genauso gut schreiben, filmen oder reportieren können. Dass es ein Podcast wurde, war dennoch kein Zufall.
Für Katharina war Audio schon vor Jahren ein vertrautes Feld. Aus der Hörerin wurde die Podcasterin. Gemeinsam stellten sich beide schließlich eine simple, aber entscheidende Frage: Wie würden wir selbst einen True-Crime-Podcast hören wollen?
Die Antwort darauf wurde zum Konzept von „True Crime Austria“. Bereits 2019 begannen die beiden mit Recherche und Vorbereitung, im März 2020 erschien die erste Episode.
Was „True Crime Austria“ anders macht
True Crime gibt es mittlerweile in unzähligen Varianten – von journalistisch seriös bis maximal reißerisch. Katharina und Hubertus wollten von Anfang an einen anderen Weg einschlagen.
Ihr Podcast folgt einer klaren Struktur: Zuerst steht der Fall im Fokus, mit allen Fakten, den relevanten Hintergründen und gesellschaftlichen Einordnungen. Persönliche Meinungen kommen bewusst erst danach. Das bedeutet: Wer zuhört, kann sich zunächst ein eigenes Bild machen, bevor die Hosts im abgetrennten Meinungsteil ihre Sicht, offene Fragen oder zusätzliche Recherche-Details teilen.
Gerade diese Trennung ist zentral für ihr Selbstverständnis. Denn bei „True Crime Austria“ soll nicht das schnelle Kommentieren im Vordergrund stehen, sondern eine möglichst saubere und nachvollziehbare Erzählung.
Preisgekrönt – und trotzdem ein Nebenprojekt
Dass dieser Ansatz ankommt, zeigt auch die Anerkennung aus der Branche: Ende 2025 wurden Katharina Börries und Hubertus Schwarz mit dem Sonderpreis für Podcast-Leistung im Rahmen des Journalistinnen- und Journalistenpreises ausgezeichnet.
Für beide war das eine besondere Bestätigung. Denn „True Crime Austria“ entsteht bis heute neben ihren eigentlichen Berufen – an Wochenenden, an Abenden, zwischen Alltag, Arbeit und Privatleben. Auch ihre Hochzeit musste sich gewissermaßen in diesen Rhythmus einfügen. Der Podcast sei längst ein fester Teil ihres Lebens, erzählen sie, und tauchte sogar in der Rede des Brautvaters auf.
Trotzdem veröffentlichen sie bewusst nur eine Folge pro Monat. Nicht, weil es an Stoff fehlen würde, sondern weil sie den Anspruch haben, dass jede Folge in der Tiefe recherchiert und sauber gebaut ist. Lieber weniger – dafür gründlich.
Wie findet man gute Fälle?
Die Antwort ist: mit System. Und mit sehr viel Material.
Mittlerweile verfügen die beiden über ein riesiges Recherchedokument mit mehr als 400 Fällen, inklusive Verortung, Quellen, Verlinkungen, möglicher Akten, Gerichtsunterlagen und weiterer Materialien. Neue Fälle begegnen ihnen im Alltag, in alten Zeitungsberichten, in Büchern, in Archiven oder durch berufliche Recherchen. Alles wird gesammelt, sortiert und irgendwann vielleicht zu einer Episode.
Welcher Fall am Ende ausgewählt wird, hängt von mehreren Faktoren ab: Wie viel lässt sich daraus erzählen? Passt er in ihr inhaltliches Konzept? Bringt er Abwechslung in Täterprofil, Tatmotiv, Zeit und Region? Denn auch darauf achten sie bewusst: nicht zwei ähnliche Verbrechen hintereinander, Wechsel zwischen Täter und Täterin, unterschiedliche Bundesländer und Epochen.
Recherche zwischen Nationalbibliothek, Gerichtsakten und Kriminalmuseum
Die Recherche selbst ist oft aufwendig und klassisch journalistisch. Sie beginnt niederschwellig mit öffentlich zugänglichen Informationen, führt aber häufig viel weiter.
Für ihre Arbeit nutzen Katharina und Hubertus unter anderem Materialien aus der Österreichischen Nationalbibliothek, aus Pressearchiven, aus Gerichtsakten und von Partnern wie dem Grazer Kriminalmuseum. Manchmal stehen ihnen sogar Gerichtsprotokolle oder Originaldokumente zur Verfügung. In Einzelfällen saßen sie auch im Gerichtssaal oder konnten Recherchen aus ihrem beruflichen Umfeld später für den Podcast weiterentwickeln.
Bemerkenswert ist dabei: Selbst Dinge wie Bild- oder Tonmaterial lizenzieren sie auf eigene Kosten, wenn es der Qualität ihrer Arbeit dient. „True Crime Austria“ ist damit nicht einfach ein Hobby mit Mikrofon, sondern ein handgemachtes Medienprojekt mit erheblichem Aufwand.
Ihr Anspruch: mehr Tiefe, mehr Kontext, mehr Information
Ein Ziel haben sie sich besonders deutlich gesetzt: Wenn sie einen Fall erzählen, dann soll er so ausführlich und so detailliert wie möglich aufbereitet sein – idealerweise umfassender als in anderen Podcastformaten.
Das bedeutet nicht, dass sie aktuelle Kriminalfälle möglichst schnell besprechen wollen. Im Gegenteil: Gerade von sehr frischen Fällen nehmen sie eher Abstand. Der Grund dafür ist journalistisch nachvollziehbar: Wenn Prozesse noch laufen, Urteile fehlen oder neue Wendungen jederzeit möglich sind, lässt sich das Gesamtbild noch gar nicht seriös erzählen.
Stattdessen arbeiten sie lieber mit Fällen, bei denen bereits genug Abstand besteht, um Einordnung, Verlauf und Konsequenzen vollständig erfassen zu können. Das schützt nicht nur die Qualität der Erzählung, sondern auch die Hosts selbst – denn ohne großes Medium und ohne Rechtsabteilung im Hintergrund können sie es sich gar nicht leisten, bei heiklen Fällen vorschnell zu sein.
Wie nah darf einem das alles gehen?
Wer sich ständig mit Verbrechen, Gewalt und menschlichen Abgründen beschäftigt, muss irgendwann auch lernen, sich abzugrenzen. Katharina und Hubertus beschreiben sich selbst als analytisch. Sie können die Recherche von ihren persönlichen Emotionen gut trennen – wohl auch, weil genau das Teil ihrer journalistischen Arbeit ist.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ihnen die Fälle egal wären. Besonders wenn Kinder betroffen sind oder Schicksale auf besonders grausame Weise sichtbar werden, stoßen auch sie an Grenzen des Verstehens. Dann zeigt sich die emotionale Betroffenheit eher darin, dass bestimmte Themen in der Folge mehr Raum bekommen oder dass sie zusätzliche Expertinnen und Experten dazuholen, um Dynamiken besser einordnen zu können.
Ihr Ziel bleibt dabei immer dasselbe: Die Hörerinnen und Hörer sollen am Ende nicht nur erschüttert sein, sondern auch besser verstehen, warum bestimmte Dinge geschehen sind und welche gesellschaftlichen Mechanismen dahinterstehen.
Macht True Crime misstrauisch?
Erstaunlicherweise eher nicht.
Beide sagen, dass sie durch ihre intensive Beschäftigung mit Verbrechen nicht ängstlicher geworden sind. Eher im Gegenteil: Wer viele Fälle analysiert, erkennt Muster, mediale Dynamiken und Wahrscheinlichkeiten besser. Das helfe dabei, Dinge einzuordnen, statt sich von einer diffusen Angst treiben zu lassen.
Natürlich verändert sich der Blick auf Berichterstattung und öffentliche Reaktionen. Bestimmte Mechanismen in Medien und Gesellschaft erkennen sie heute schneller als früher. Aber ein pauschales Misstrauen gegenüber der Welt ist daraus nicht entstanden.
Fälle, die sprachlos machen
Trotz aller Professionalität gibt es Fälle, die einen selbst als erfahrene Hosts ratlos zurücklassen. Das gilt vor allem für Verbrechen an Kindern.
Katharina und Hubertus nennen im Gespräch etwa Fälle wie Julianne Hummel oder Josefine Luna – Geschichten, bei denen auch analytische Distanz irgendwann an ihre Grenzen kommt. Genau in solchen Fällen greifen sie gern auf psychologische oder psychiatrische Einordnungen zurück, weil sie merken: Manche Taten lassen sich nicht allein durch journalistische Rekonstruktion verständlich machen.
Besonders wichtig ist ihnen dabei auch die historische und gesellschaftliche Einbettung. Menschen handeln in ihren jeweiligen Zeiten, Milieus und gesetzlichen Rahmenbedingungen anders. Wer historische Verbrechen verstehen will, muss also immer auch verstehen, in welcher Welt sie stattgefunden haben.
Gibt es eine „österreichische Seele des Verbrechens“?
Eine spannende Frage – und die Antwort der beiden fällt differenziert aus.
Eine spezifisch österreichische Seele des Verbrechens würden sie so nicht unterschreiben. Was ihnen aber früh auffiel: In Österreich gibt es eine überraschend hohe Zahl bekannter Täterinnen. Gerade das fand das Podcast-Duo interessant, weil es gängigen Bildern vom männlichen Täter und weiblichen Opfer widerspricht.
Außerdem zeigen ihre Recherchen, dass Österreich – trotz seiner überschaubaren Größe – eine erstaunliche Dichte an Verbrechen aufweist, die erzählenswert und gesellschaftlich relevant sind.
Warum manche berühmten Fälle trotzdem nicht vorkommen
Nicht jeder bekannte Kriminalfall eignet sich automatisch für „True Crime Austria“. Ein prominentes Beispiel ist Natascha Kampusch.
Katharina und Hubertus sagen offen: Diesen Fall könnten sie zwar erzählen, aber sie würden keinen echten Mehrwert liefern. Sie wären nur ein weiteres Format unter vielen, das bereits Bekanntes noch einmal wiedergibt. Genau das wollen sie vermeiden. Ihr Ziel ist nicht Wiederholung, sondern Relevanz.
Stattdessen interessieren sie sich auch für historische Stoffe und ambivalente Figuren – etwa für die legendäre „Blutgräfin“, deren Geschichte bis heute zwischen Mythos, misogyn geprägter Erzählung und möglichem politischen Komplott schwankt.
Verantwortung im True Crime: das Recht, vergessen zu werden
Ein besonders interessanter Teil des Gesprächs drehte sich um eine Frage, die im True-Crime-Bereich oft zu wenig diskutiert wird: Wie verantwortungsvoll erzählt man echte Kriminalfälle?
Für Katharina und Hubertus ist klar, dass Persönlichkeitsrechte, Privatsphäre und das sogenannte Recht auf Vergessenwerden eine zentrale Rolle spielen. Deshalb verfremden sie in vielen Fällen Namen oder verzichten bewusst auf exakte Ortsangaben.
Nicht, weil sie weniger wissen würden, sondern weil sie verhindern wollen, dass Angehörige, Nachfahren oder unbeteiligte Menschen noch Jahrzehnte später mit einer Tat konfrontiert werden, nur weil sie denselben Nachnamen tragen oder in derselben Wohnung leben. Gerade wenn in kleinen Orten noch Familienangehörige leben oder wenn sich Tatorte eindeutig identifizieren ließen, wägen sie sehr genau ab.
Das mag manche Hörerinnen und Hörer frustrieren, die „alles wissen“ oder direkt weitergoogeln wollen. Für die beiden gehört diese Zurückhaltung jedoch zum Grundsatz ihres Formats: Nicht Voyeurismus, sondern Einordnung.
Wie finanziert sich das Ganze?
Die ehrliche Antwort lautet: mühsam, aber mit viel Herzblut.
„True Crime Austria“ finanziert sich über Werbung, Unterstützerplattformen wie Patreon und Steady sowie gelegentliche Kooperationen. Von dort kommen Mittel für Musiklizenzen, Recherchematerial, Bildrechte oder den Ausbau ihrer eigenen True-Crime-Bibliothek.
Was damit nicht gedeckt ist, ist die eigentliche Arbeitszeit. Denn jede Folge bedeutet viele Stunden Recherche, Schreiben, Aufnehmen und Produzieren. Geschnitten wird der Podcast von Katharina selbst – inklusive aller kleinen Atemgeräusche, Klicks und Versprecher.
Gerade diese Unabhängigkeit ist ihnen aber wichtig. Weil sie kein großes Medium im Hintergrund haben, kann ihnen auch niemand vorschreiben, emotionaler, reißerischer oder schneller zu werden.
Live, auf Festivals und bei Vorträgen
Inzwischen kann man Katharina Börries und Hubertus Schwarz nicht nur hören, sondern auch live erleben. Sie werden für Vorträge, Interviews und universitäre Formate angefragt und treten unter anderem beim Podcast Festival der Kleinen Zeitung auf.
Dabei geht es nicht nur um einzelne Fälle, sondern oft auch um ihre Arbeitsweise, um die journalistischen Herausforderungen des Genres und um die Frage, wie man zwischen öffentlichem Interesse und Schutz von Persönlichkeitsrechten balanciert.
Fazit: Bei „True Crime Austria“ steht der Fall im Vordergrund – nicht das Ego
Was aus dem Gespräch mit Katharina Börries und Hubertus Schwarz besonders hängen bleibt, ist ihre klare Haltung. „True Crime Austria“ will nicht bloß schockieren, unterhalten oder mit Cliffhangern arbeiten. Der Podcast will erklären, einordnen und Verantwortung übernehmen.
Oder, wie die beiden es selbst zusammenfassen: Bei ihnen steht der Fall im Vordergrund – nicht die persönliche Meinung.
Und genau das macht „True Crime Austria“ zu einem der spannendsten und zugleich reflektiertesten True-Crime-Formate im deutschsprachigen Raum.

























